Wahrnehmung… (m)ein mentaler Motor

Die Wahrnehmung ist der Prozess der Informationsgewinnung und -verarbeitung von Reizen aus der Außenwelt und dem Körperinneren, durch Filtern und Zusammenführen von Teil-Informationen zu subjektiv sinn­vollen Gesamteindrücken.
In der Psychologie bezeichnet Wahrnehmung die Summe der Schritte Aufnahme, Auswahl, Verarbeitung und Interpretation von Informationen
Die Wahrnehmung der Außenwelt bezieht sich auf die „fünf Sinne“ (Riechen, Sehen, Hören, Schmecken und Fühlen), die Psychologie kennt daneben die Selbst- und Fremdwahrnehmung, also Überzeugungen, die wir von uns selbst, unserem Empfinden und Verhalten haben, und Eindrücke, die andere von uns gewinnen.
Wahrnehmung ermöglicht sinnvolles Handeln und den Aufbau von mentalen Modellen der Welt und dadurch vorgreifendes und planerisches Denken. Wahrnehmung ist eine Grundlage von Lernprozessen.
Inhalte und Qualitäten einer Wahrnehmung können durch gezielte Steuerung der Aufmerksamkeit und durch Wahrnehmungsstrategien verändert werden.

Soviel zur sachlichen Definition (Quelle: Wikipedia.de “Wahrnehmung”)…

Aufgrund immerwährender Unterdrückung meines ICHs, von außen, dann meines Selbsts, von innen, war (und ist) mein Leben hauptsächlich beeinflusst von vermeintlichen Fremdwahrnehmungen. Fast mein gesamtes Handeln richtete sich nach Aktion und Reaktion meines Umfeldes aus. Ich beobachte mein Gegenüber genau, nehme Worte, Gestik, Mimik, Haltung auf, wähle vermeintlich mich betreffendes aus, verarbeite und interpretiere es als Kritik, Missfallen, Angriff, nur selten auch als Lob, Anerkennung und Zuneigung. Meine Selbstwahrnehmung beschränkte sich auf “fühlt sich schlecht an” oder “fühlt sich gut an”, mehr kam nicht aus mir, weil 'ICH ist weg’...

In meiner mentalen Welt, in meiner Vorstellung und Überzeugung, war ICH nicht wichtig, nichts wert - so habe ich es gelernt, so wurde es mir beigebracht. Der einzig mögliche, für mich sinnvolle Schluss war “mach, was andere erwarten”... und das tat ich, bis hin zur Professionalität, zur totalen Selbstaufgabe.
Um das, um mich irgendwie zu ertragen, flüchtete ich in eine dunkle Welt, geprägt von Rausch, von exzessiver Arbeit oder Nichtstun, von Selbstverleugnung, Selbsterniedrigung und Selbstverletzung...

Irgendwann, vor circa fünfzehn Jahren, nahm ich einen Funken, einen innerlichen Impuls wahr… “es fühlt sich schlecht an, sehr schlecht”... Der Wunsch nach Veränderung, die Erkenntnis der Notwendigkeit, war geboren, aus mir - der erste Schritt zur Selbstwahrnehmung… und ich handelte…

Die Zeit nach der Entzugstherapie war erfüllt vom Rausch der äußerlichen Wahrnehmung. Vorher unterdrückte Eindrücke, Gerüche, Geräusche, Empfindungen strömten nun ungehindert auf mich ein. Diese lösten innere Empfindungen aus, Wohlgefühle, Freude, sogar Glück… “es fühlt sich gut an”... Ich nahm sie wahr, ich war “angefixt”, ich wollte mehr.

Es folgte ein ständiges Auf und Ab, Rückschritte, Wahrnehmung, Therapie, neuer Anlauf, Rückschläge, wahrgenommen, Klinik, und Anlauf, Rückfall, wahrgenommen, Beratung, Anlauf. Einmal diese Energie gespürt, lies es mich nicht los. Ich spürte, nahm es wahr, da ist noch mehr...

Seit Ende 2014 bin ich kontinuierlich auf dem Weg. In Therapien, Kliniken und Beratungen bekam ich Anleitung, wie ich auf mich achten kann, bekam Hilfsmittel und Übungen an die Hand, dies umzusetzen, um innerliche und äußerliche Reize wahrzunehmen.

Angefangen mit Achtsamkeitsübungen, meine fünf Sinne zu nutzen, wahrzunehmen, was ich rieche, schmecke, höre, spüre und sehe, dies zu beschreiben, ohne Bewertung. Eine Übung, welche mich immer wieder zu mir, in den Moment, ins Hier und Jetzt zurückholt. Ich habe sie in meine Alltagshandlungen eingebaut, achtsam und bewusst Zähne geputzt, abgewaschen, geduscht, Fahrrad gefahren, habe sie überall einfließen lassen, bis sie zur Routine wurde.

Ich habe Entspannungsübungen erlernt, Atemübungen, autogenes Training, Imaginationen und Fantasiereisen. In schwierigen Situationen nur den Atem regulieren und beobachten, oder den Blick auf einen Punkt, ein Bild richten und innerlich beschreiben, mir eine Kerze, eine Blume vorstellen und beobachten, wie sie sich wiegt, mich in Gedanken an einen Ort an einem Fluss bringen, dem Fließen und Rauschen lauschen - all das entspannt die Situation, wodurch ich leichter das eigentlich Problem erkennen kann, ein Lösung finden kann, oder eben feststelle, dass es kein Problem gibt.

Ich habe mir Fertigkeiten, sogenannte Skills angeeignet, welche unruhige, chaotische und angespannte Empfindungen und Gedanken vermindern. In Hochspannung etwa laute kurze Geräusche oder ein kurzer Schockmoment, bei minderer Anspannung ein angenehmer Geruch oder Geschmack, eine Abkühlung, ein Handschmeichler.

Seit kurzem konzentriere ich mich zusätzlich auf positive Momente, lenke meine Aufmerksamkeit auf diese, beschreibe und notiere sie, mögen sie noch so klein sein, ein Lächeln, ein Erfolg, ein nettes Wort. Ich bemühe mich, freundlich zu jedem zu sein, zu lächeln, Kontakt zu einer bestimmten lieben Person aufzunehmen, oder explizit meine Hilfe anzubieten. Durch Augenmerk auf Positives, verliert scheinbar Negatives an Bedeutung. Es wirkt!

Mein neues Projekt ist die gelenkte Wahrnehmung. Um an mein Inneres zu kommen, alle Emotionen wahrnehmen zu können, mach ich angepasste Achtsamkeitsübungen, diesmal mit Bewertung und Beschreibung der Empfindungen. Ich kenne die Definitionen aller möglichen Gefühlsbegriffe in- und auswendig, weiß aber nicht, wann welche Emotion bei mir eintritt. Also bewerte und beschreibe ich meinen Zustand und gleiche dies mit den Definitionen ab. Ich tauche in den Moment, die Situation, in die Empfindungen ein, beschreibe mir genau, was zu was führt, gehe ins Detail, tiefer und tiefer. Dann folgt der Vergleich. So bekomme ich nach und nach mehr Einblick in meine Gefühlswelt - ich habe es sogar geschafft, Wut, Trauer, Eifersucht und Zuversicht zu empfinden - ich nehme sie endlich wahr...

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