Ein Tagesablauf...
Trotz aller Widrigkeiten, bemühe ich mich um einen strukturierten Tagesablauf, als "Gegenmittel/-pol" zu der Getriebenheit, dem Gedankenchaos, den Stimmungsschwankungen und den spontanen "Spaziergängen". Ein wenig geregeltes Leben wirkt praktisch als Medizin. Das gelingt mir situationsbedingt zwar nicht immer und dauerhaft, aber auch hier gebe ich nicht auf.
Da ich nicht mehr erwerbs- und arbeitsfähig bin, sorge ich so anderweitig für kleine Erfolgserlebnisse, die mich aufbauen, aufwerten und mir gut tun. Sie dienen aber auch als kleine "Wiedergutmachung" für die Sorgen und Probleme, die ich meiner Frau und meinem Umfeld bereite.
Obwohl ich kaum eine Nacht durchschlafe, versuche ich spätestens um 9:00 Uhr aufzustehen, an manchen Tagen schon um 8:00 Uhr. Ausgeruht bin ich meist trotzdem, da ich in den nächtlichen Wach-Perioden liegen bleibe und mich mit kleinen Ritualen und manchmal ein wenig Schaukeln zum Einschlafen zwinge.
Ich koche erst Kaffee, schalte meinen Computer ein und betreibe dann die übliche Morgenhygiene, welche ich oft mit einer kleinen Achtsamkeitsübung ergänze, in der ich die Tätigkeiten und mich selbst beobachte - das dient einem ersten "Runterkommen" und der Fokussierung. Mit fertigen Kaffee gehe ich dann auf die Couch und logge mich im Computer ein.
Aufgrund der Hyperaktivität des Gehirns, welche auch nachts nicht nachlässt, bin ich besonders morgens sehr getrieben und gedankenchaotisch. Deshalb schaffe ich mir einen ausgiebigen, fast meditativen, achtsamen Moment. Ich setze mich bequem hin, stelle meine Füße barfuß auf den Boden, reguliere meinen Atem ruhig, schließe die Augen und lausche meiner Umwelt. Ich beschreibe mir in Gedanken die Geräusche, die ich wahrnehme. Manchmal blicke ich auch aus dem Fenster und beobachte beschreibend die Umgebung. Wenn die beruhigende Wirkung einsetzt, schließe ich diese Übung mit einem Körperscan von Fuß bis Kopf, nehme An- und Entspannungen wahr und beschreibe sie mir, ohne qualitative Bewertung. Das vermindert wenigstens schon mal die Getriebenheit. Diesen Vorgang wiederhole ich bei Bedarf beliebig.
Um das Gedankenchaos zu vermindern, habe ich mir ein paar Aufgaben gestellt, durch die ich dafür sorge, dass der Fokus konzentriert auf einer Sache liegt, wodurch das Durcheinander in den Hintergrund rückt.
Ich betreibe ein selbst programmiertes Forum für Familie und Freunde, in dem ich täglich über Neuigkeiten aus den Bereichen Nachrichten, eBooks, Musik, Digitale Medien und über verschiedene andere interessante Themen berichte. So suche und lese ich ersteinmal frische Artikel und Beiträge auf diversen Seiten, wodurch ich nebenbei meine "Informationssucht" befriedige. Ich werte diese Informationen aus, lade ggf. Dokumente herunter und schreibe zusammenfassende Beiträge, welche ich in eine ansprechende Form, mit Text, Links, Bildern und Videos, bringe. Ein angenehmer Nebeneffekt, auch durch eine mögliche Interaktion im Forum, ist der tägliche Kontakt zu Familie und Freunden.
Auch auf Facebook bin ich aktiv, zum einen als ProMensch-Aktivist, zum anderen in einigen psychologischen Selbsthilfegruppen. So betreibe ich eine Seite zur Flüchtlingshilfe (eher als Selbstläufer) und eine Gruppe zur Menschlichkeit, in denen ich Interessantes und Wissenswertes zu den Themen verfasse, da mir Toleranz, humanes Miteinander und Verständnis sehr wichtig sind. Die psychologischen Selbsthilfegruppen nutze ich eher für mein eigenes Wohlbefinden, lese die Beiträge und Artikel der anderen Mitglieder, um aus ihren Erfahrungen zu lernen, poste aber auch ab und an einen hoffentlich hilfreichen Beitrag oder Kommentar.
Zwischendurch, wenn meine Frau aufsteht, koche ich ihr einen Kaffee, dann mache ich die Küche, stelle den Müll vor die Tür und reinige ggf. das Katzenklo. Das schafft mir die Möglichkeit, mich zu sammeln und meine Gedanken erneut zu sortieren, um dann wieder frisch ans Werk zu gehen.
An ein bis zwei Tagen in der Woche beginnt mein Tag bereits früher und der Ablauf verändert sich leicht, da ich dann einen, meist zweistündigen Termin (von 10:00 bis 12:00) mit meinem ASP-Betreuer habe. Wir nutzen die Zeit oft für einen bewussten Spaziergang und intensive Gespräche über meine jeweilige Situation, oder auch mal einen Ausflug, manchmal gehen wir aber auch ins Büro und erledigen wichtige Dinge oder er begleitet mich zu Terminen.
Für mich sind diese Termine wichtig, da ich nur in Begleitung die Wohnung verlassen kann und meine Frau selbst eingeschränkt ist.
Den Früh- bis Spät-Nachmittag nutzen wir gegebenenfalls zur familiären Kommunikation und Planung. Meine Frau und ich sprechen über Planungen, unser Befinden, Wünsche, Bedürfnisse, Befürchtungen und Ängste, aber auch über alltägliches. Mit den Kindern reden wir über ihren Tag, die Schule, aber auch ihr Befinden und ihre Bedürfnisse finden Gehör. Auch schweigsame Momente oder Zeit für die jeweils eigene Gestaltung finden in dieser Zeit Raum.
Zum Abend hin versammeln wir uns meistens zum gemeinsamen Essen, welches sich auch oft kommunikativ, sogar lustig gestaltet. Danach gehen alle ihren eigenen Interessen nach. Meine Frau und ich ergeben uns den digitalen Medien oder schauen eine Serie oder einen Film. Manchmal schauen wir auch alle gemeinsam etwas oder spielen Gesellschaftsspiele.
Irgendwann, spät abends, geht’s dann ins Bett... und der Kampf um den Schlaf geht von vorne los...
Vor kurzem haben wir den Schrebergarten von meinen Schwiegereltern übernommen. Ich liebe die Gartenarbeit, das Schaufeln und Werkeln, das Wachsen der selbst gesetzten Pflanzen, die Ruhe in der Natur, das Zwitschern der Vögel, das Rauschen des Windes. Aber es ist auch eine zusätzliche Verantwortung, der ich nicht immer gerecht werden kann. Wir versuchen einmal in der Woche, tagsüber und übers Wochenende hinzukommen, was nicht immer klappt. Es ist eine schöne, lohnende Abwechslung vom Alltäglichen!
Dieser Ablauf wäre ein optimaler Tag, doch es läuft nicht immer optimal. Ein dissoziativer "Spaziergang", ein Stimmungstief, ein irreguläres Ereignis, welcher/s mich aus der Bahn wirft, und ich bin raus aus der Routine. Die Wiederaufnahme des optimalen Tagesablaufs kostet dann jedesmal Kraft, die mir oft fehlt. Teilweise bemerke ich es nichtmal wirklich, rutsche langsam in eine gewisse Teilnahmslosigkeit und verfalle in alte Verhaltensmuster, die es wiederum erschweren, mich zu fangen.
Glücklicherweise bin ich nicht allein. Meine Frau ist mir eine große Hilfe, für die ich unsäglich dankbar bin. Sie weist darauf hin und bietet mir Unterstützung.
Außerdem bin ich ein Kämpfer und, trotz allem, optimistisch veranlagt - sprich: Ich gebe nicht auf!
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