Schuldgefühle... eine Aufarbeitung

Vorab möchte ich eine TRIGGERWARNUNG geben, denn ich behandel in diesem Beitrag einige Themen aus meiner Vergangenheit, die in einem Leser eigene unangenehme Erinnerungen, Flashbacks hervorrufen können. Genauer gesagt geht es um mein gestörtes Mutter-Kind-Verhältnis, um fatale Beziehungen und ansatzweise um meinen erlebten sexuellen Missbrauch. Also, geh, vor dem Lesen, bitte in Dich und überprüfe Dich ;)


Generalisierte Schuldgefühle, damit verbundene tiefe Scham, Hemmungen und eine massive Unsicherheit begleiten mich, seit ich mich erinnern kann. Jede anscheinend instabile, unharmonische Situation führt in mir zu einem heftigen Unbehagen, egal, ob ich aktiv oder passiv, oder überhaupt beteiligt bin. Ich brauch nur in der Nähe sein, nur mitschneiden, dass etwas scheinbar nicht stimmt. Ob es sich um Worte, ein Gespräch, einen Konflikt, eine Handlung oder Nichthandlung, eine Geste, Mimik oder ein Stöhnen handelt, sofort ziehe ich mir den Schuh an. Ich überprüfe, geleitet von Schuld und Scham, negativ mein Verhalten, passe es umgehend an die Situation an und gehe in den Rückzug. Eine objektive Betrachtung ist dann unmöglich, ich bin blockiert. Aus Angst vor möglichen Folgen, verfalle ich in Panik und dissoziativen Zuständen, die mich handlungsunfähig machen, mich lähmen.

All das begann in meiner frühesten Kindheit. Ich erinner mich zwar kaum noch, kann aber, aufgrund Erzählungen und späterer Erfahrungen, Schlüsse ziehen, wie es mir ergangen ist.
Meine Eltern trennten sich, als ich so ein, zwei Jahre jung war. Mein Vater fuhr zur See, auf große Fahrt, und war nur circa alle sechs bis neun Monate für maximal drei Monate in der Heimat. Er kümmerte sich wenig und wir hatten wenig Kontakt. Meine Mutter kam selbst aus für sie schwierigen Familienverhältnissen und war kein Kind der Traurigkeit. Sie hielt sich viel in Kneipen auf, hatte häufig wechselnde Männerbekanntschaften und war dem Alkohol zugeneigt. Meine Mutter war sechsmal schwanger, von verschiedenen Männern. Ich wuchs, als Zweitältester, mit drei Geschwistern auf. Ich denke, es war ihrer Kindheit, ihrem Lebenswandel und einer gewissen Unbedarftheit zu schulden, dass sie mit der alleinigen Familienplanung überfordert war, was massive Auswirkungen auf uns Kinder hatte.
In mir sah meine Mutter wohl einen Puffer für ihre schnell wechselnden Launen. Ich war auch ihr Gesprächspartner, eher Zuhörer, obwohl ich in meinem jungen Alter weder die nötige Erfahrung noch den angemessenen Wortschatz hatte. Sie teilte mir ihre Sorgen und Nöte mit, doch für meine Sorgen oder auch Erfolge war kein Platz. Meistens jedoch ignorierte sie mich, meine Persönlichkeit, meine Talente, meine Wünsche, meine Bedürfnisse. Versuchte ich doch mal irgendwie die Aufmerksamkeit auf mich zu lenken, hatte das ernste Folgen für mich. Zurechtweisung, Erniedrigung, Bestrafung, bis hin zum Zuneigungsentzug. Sie wurde „nervös“, veränderte Mimik, Gestik und Tonfall. Durch all das wurde mir eine Schuld suggeriert. Ich bettelte innerlich um Aufmerksamkeit, weshalb selbst die Schuld willkommen war, ich nahm sie dankbar an. 

Sich die Schuld zu geben, bedeutet auch Verantwortung zu übernehmen, für eine Situation, die Negatives herbeigeführt hat oder herbeiführen könnte. Ich übernahm die Verantwortung, für meine Mutter, für ihr Wohlbefinden, ihre Launen, ihre Sorgen. Ich gab mir die Schuld.
Schuld zu haben, sich die Schuld zu geben vermittelt auch ein unterschwelliges Gefühl von Sicherheit, denn es liegt dadurch scheinbar in meiner Macht, die negative Situation ins Positive zu kehren, was ich auch ständig versuchte. Es gab mir wohl das einzige Gefühl von Sicherheit, welches ich erhalten konnte. Anstatt die Angst vor Situationen und deren Folgen ertragen zu müssen, welche massive Unsicherheit in mir auslöste, nahm ich die Schuld auf mich, das scheinbar sichere Gefühl, etwas an der Situation ändern zu können.

Doch die Angst blieb, Angst vor Zurückweisung, vor Erniedrigung, vor Zuneigungsentzug, und die Angst vor Verlust und Verlassenwerden, denn nicht nur einmal wurde mir deutlich klargemacht, dass ich eine Belastung bin, wodurch ich mich unerwünscht und überflüssig fühlte. 
Äußerte ich mal meine Meinung, wurde sie aggressiv heruntergespielt, mit Spott, Hohn und Geringschätzung. Wahrscheinlich bin ich deshalb so erpicht, Fakten zu präsentieren, auf diesen zu beharren, weil sie unumstößlich feststehen, nicht widerlegt werden können. Ich wurde als Klugscheißer, Besserwisser, Rechthaber beschimpft, nur weil ich eine Meinung hatte.
Physische und psychische Verletzungen, Traurigkeit, Niedergeschlagenheit und Angst wurden nicht ernst genommen und ebenfalls mit Spott beantwortet. Meine Mutter streichte mir demonstrativ übers Gesicht und sang irgendwelche Frasen, wie „… in hundert Jahren ist alles wieder gut!“, oder sagte „Ein Indianerherz kennt keinen Schmerz!“. Getröstet wurde ich nie.
Erfolge, meine guten schulische Leistungen, mein kreatives und technisches Talent wurden ignoriert. Zuzugeben, ich hätte diese Talente, und diese zu benennen, hätte wohl ihr verzerrtes Wunschbild von meinem ach so tollen älteren Bruder gerichtet, von dem sie so viel hält. Misserfolge, auffälliges Verhalten oder Blödsinn meines Bruders schreibt sie sogar heute noch mir zu.

Die Angst und die folgliche Schuld, daraus resultierende Scham und Unsicherheit, prägten mich. Sie wurden zu meinem ständigen Begleiter, saßen und sitzen tief in mir. Schuld bietet nicht nur eine unterschwellige Macht, sie birgt auch einen Teil Ohnmacht, wenn ich nicht die Möglichkeit besitze, eine Situation zum Positiven zu wenden. Diese Ohnmacht gepaart mit einer massiven Angst, führt zu Scham, denn ich schäme mich dann für mich, und zu einer unerträglichen Unsicherheit. Ich versuchte schon früh, letztendlich erfolglos, diese Gefühle mit Alkohol und Drogen zu kompensieren.
Doch es führte trotzdem immer wieder zu Situationen, in denen ich machtlos war. Die Angst vor mangelnder Zuneigung und fehlender Anerkennung führte dazu, dass ich mich auf Menschen einließ, die nichts gutes im Schilde führten oder nur ihren eigenen Vorteil suchten. So wurde ich von diesen oft ausgenutzt, gemobbt und erniedrigt. Ein „Freund“ behandelte mich, wie einen Sklaven, nannte mich sogar so.
Aber das Schlimmste war, dass ich mich auf einen Lehrer „einließ“, welcher meine Situation schamlos ausnutzte. Er missbrauchte mich regelmäßig im Alter von elf bis vierzehn Jahren, circa einmal im Monat. Er lud mich über Nacht zu sich nach Hause ein und vollzog seine Lust an mir. Hilfe von Zuhause konnte ich nicht erwarten, denn ich wurde nicht gesehen, nicht mein Leid, nicht meine empfundene „Schande“, nicht die Angst vor Ablehnung, nicht die Schuld, die ich mir gab. Erst mein Interesse an einem Mädchen beendete diese Farce.

Um die Angst nicht zu spüren, ließ ich mich auf Viele und Vieles ein. Um einen Hauch von  Zuneigung und Anerkennung zu erhalten, ging ich Beziehungen ein, in denen ich gebraucht wurde, Verantwortung übernehmen konnte, oder völlig erniedrigt wurde. Ich schloss mich zweifelhaften Gruppierungen an, die meinen Grundsätzen widersprachen, nur um zu irgendetwas zu gehören. Ich stürzte mich in Arbeit, gab mehr als alles an Energie, was ich aufbieten konnte, verausgabte mich völlig. Doch die Angst und die Schuld blieb, was letztendlich zu einem völligen Zusammenbruch führte, aus dem ich nur langsam, mit professioneller Hilfe und liebevoller Anleitung herausfinde.

Heute führe ich eine liebevolle, gleichberechtigte und gleichwertige Beziehung, habe meinen Seelenpartner in meiner Liebsten gefunden. Trotzdem begleitet mich die Angst,  besonders vor dem Verlassenwerden, vor dem Verlust der Zuneigung, sie beschäftigt mich, sie zerreißt mich. Sie ist nicht vordergründig, sie schwelt unterschwellig. Auch das Schuldgefühl, als Folge der Angst, ist ständig da, es regt sich hinterhältig. Ich beobachte meine Frau, schneide jede Veränderung in Mimik, Gestik, Körperhaltung, in ihren Worten, in der Art ihres Redens mit, und ich bin gut darin. Ich spüre die Neigung, mein Verhalten anzupassen, mich zurückzuziehen, nachzugeben.

Doch jetzt habe ich es erkannt! Angst und Schuldgefühle treiben mich, führen zu einer Panik-Reaktion. Da ich sie nicht dauerhaft ertragen kann, nicht ertragen möchte, flüchtete und flüchte ich in einen dissoziativen Zustand, eine Flucht aus mir selbst, eine Bewältigungsstrategie, die ich bereits in meiner frühesten Kindheit erlernte.

Und es gibt einen Ausweg! Jede Situation, welche Angst und Schuld, Scham und Unsicherheit hervorruft, wird von mir einer genauen Prüfung unterzogen: Bin ich direkt verantwortlich? Habe oder hatte ich Macht über die Situation? Kann ich die Situation direkt beeinflussen? 
Wenn ja, höre ich auf meine Bedürfnisse und handle entsprechend. Ich betrachte die daraus entstandene neue Situation erneut, beachte das Ergebnis. Ich wurde schon positiv überrascht.
Wenn nein, ertrage ich die Ohnmacht, denn ich bin nicht verantwortlich, bin nicht schuld, habe keinen Einfluss. Ich mach mir klar, dass die Ohnmacht, das Gefühl der Unsicherheit vorbei geht. Dann kann ich wieder Einfluss nehmen und für mein Sicherheitsgefühl sorgen.

Weder die eine noch die andere Situation hat einen nachhaltigen Einfluss auf mein Leben. Ein kleiner Zwist, eine Meinungsverschiedenheit wird keine Beziehung zerstören. Im Gegenteil, ein starkes Selbstbewusstsein wird meine Beziehungen stärken, denn ich werde berechenbar, verlässlich, eine feste Größe.

Also nehme ich mein inneres verletztes Kind an die Hand, zeige ihm, dass ich liebevoll, verantwortungsbewusst und erwachsen mit uns umgehe, nehme ihm die größte Angst und damit auch das unangemessene Schuldgefühl, die unnatürliche Scham, die massive Unsicherheit. Ich zeige ihm und mir ein gesundes Maß an Angst, Schuld, Scham und Unsicherheit, lehre und lerne den Umgang damit. Ich nehme uns den Grund für die Flucht aus uns selbst. Es funktioniert!

Kommentare

  1. Deine Lebensgeschichte ist traurig und ich fühle mit dir. Da raus zu kommen auch nach si vielen Jahren scheint dir oft unmöglich. Doch den Weg gibt es. In dir. Arbeite an dir versuche so viel Literatur darüber zu lesen, begibt dich in eine psychotherapie. Und Schritt für Schritt wird es immer besser. Wichtig ist die körperliche Betätigung- das powert aus und bringt dich auf den Boden alles Gute!

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